Elf Argumente für Open Access


Thomas Severiens, severiens(at)isn-oldenburg.de
Eberhard R. Hilf, hilf(at)isn-oldenburg.de


Institute for Science Networking Oldenburg, Germany
www.isn-oldenburg.de


20. Juli 2004

Open Access heißt, das Dokument ist im Volltext auf dem Netz frei verfügbar (mit dem Einverständnis des Autors). Dazu gibt es die folgenden Möglichkeiten:

  1. Individuelles Selbst-Archivieren: Der Autor legt das Dokument auf seinen lokalen Server (z.B. seiner Arbeitsgruppe im Institut).

  2. Institutionelles Selbst-Archivieren: Institut / Fachbereich / Uni-Bibliothek legen das Dokument auf einen ihrer Server (Projekte sind z.B. GAP: German Academic Publishers für Dokumente aus der Universitäten, eDoc der MPG für Dokumente aus den Max Planck Instituten).

  3. Zentrales Selbst-Archivieren: Das Dokument wird an ein zentrales OA-Archiv gesandt, das für Dokumente aus aller Welt und meist auch aller Fächer offen ist (z.B.: e-arXiv der Cornell University oder HAL des CCSD [Centre pour la Communication Scientifique Directe] des CNRS [Centre National de la Recherche Scientifique].

  4. Open Access Journals (siehe Regensburger Elektronische Zeitschriftenbibliothek, derzeit ca. 10 % aller Zeitschriften) [rzblx1.uni-regensburg.de/ezeit/fl.phtml].
Argumente für Open Access sind u.a.:
  1. Wahrung des Urheberrechts: Der Autor kann selbst bestimmen, ob das Dokument in einem zentralen Server "eingefroren" oder in einem Institutsserver für ihn zugreifbar und überarbeitbar gehalten werden soll, wobei er dann die Verwertungsrecht weiter selbst bestimmen und ändern kann [1].

  2. Beschleunigung des Publikationsprozesses: Das Dokument ist unmittelbar nach Fertigstellung weltweit verfügbar, lesbar, zitierbar. Damit wird der Wissenschaftsprozess beschleunigt und befördert. Der Autor bekommt schneller Response von seinen möglicherweise weltweit verteilten Kollegen. Schließlich hat der Autor unmittelbar ein Zitat für seine Vita.

  3. Referierungsvielfalt: Da das Dokument bei individuellem, institutionellem oder zentralem unmittelbaren Archivieren schon weltweit bekannt wird, kann das Dokument nun unter verschiedenen Gesichtspunkten qualitätsgeprüft (technisch, formal) und in verschiedenen Stufen inhaltlich referiert werden (z.B. Arbeitsgruppenleiter, Institut, offenes (Annotation) oder wie gewohnt blindes (anonymes) Referieren [2]. Dabei wollen die großen Fachgesellschaftsverlage der Physik zu offenem Referieren übergehen, um stärker Missbrauch zu vermeiden, um die internationale Diskussion zu befördern, um Anreize für die Gutachter zu schaffen [3].

  4. Die Zitierhäufigkeit als Hinweis auf die größere Sichtbarkeit und damit der Impact für den Wissenschaftsprozess steigt um den Faktor 6-10 [4,5]. Vergleichbar steigt das Gelesenwerden.

  5. Drastische Reduzierung der Kosten: Die Kosten eines Artikels bei dem bisherigen Betriebs-und Geschäftsmodell von kommerziellen wissenschaftlichen Verlagen betragen etwa 3.000,- EUR [Springer Science Open Access on Demand 2004].
    Entsprechende, referierte aber Open Access Zeitschriften, kosten trotz Zusatzfunktionalitäten (achtwöchige Diskussionsphase mit deren Archivierung) etwa 20,- EUR /Seite, also nicht mehr als 300,- EUR je Dokument, wobei der Seitenpreis in Abhängigkeit von der Wirtschaftskraft des Staates berechnet wird, in dem die Institution des Autors ihren Sitz hat, um auch Autoren aus Entwicklungsländern die Publikation gleichberechtigt zu ermöglichen. Die Kosten werden von den Autoren erhoben. Auf Wunsch werden dem Nutzer gedruckte Fassungen kostenpflichtig zugesandt [Beispiele sind ACP Atmospheric Chemistry and Physics und verwandte Zeitschriften].
    Open Access sichert kostengünstige Preise, weil jede Teilleistung von Zusatzdiensten auch parallel von Anderen geleistet werden kann. Dies ermöglicht einen fairen kommerziellen Wettbewerb ohne das Monopol des Besitzes (und der zeitweisen Zurückhaltung) von Dokumenten.

  6. Wahrung des Prioritätsdatums: Im der Veröffentlichung nachgelagerten Referierungsprozess abgelehnte Dokumente erhalten sich ihr Prioritätsdatum durch Nutzung eines zentralen oder institutionellen Servers.

  7. Patententscheidung als Entscheidung des Erfinders: Es sollte in der Entscheidung eines Erfinders liegen, ob er eine Erfindung patentieren lassen will oder nicht. Sollte er diese nicht patentieren lassen wollen, ist die Publikation der einzig sichere Weg, die Patentierung durch eine andere Person sicher zu verhindern und die Erfindung der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

  8. Globale Nachhaltigkeit: Nur mit Open Access ist es möglich, Menschen in den Entwicklungsländern an unserem wissenschaftlich technischen Fortschritt teilhaben zu lassen, sie in die Entwicklung einzubinden und das dortige Know-How zu entwickeln bzw. zu nutzen. Nachhaltiges Handeln erfordert immer die globale Perspektive, nicht eine lokal auf lizensierte Zugriffsräume verengte Sicht.

  9. Möglichkeit zur vollständigen Information: Der Umfang von Publikationen wird nur noch vom Inhalt und dem Willen des Autors bestimmt und nicht durch mediengebundene technische Grenzen beengt. Derzeit werden in gedruckten Zeitschriften viele inhaltlich wertvolle Artikel aus Platzgründen nicht oder nur stark gekürzt und in ihrer Medienvielfalt beschnitten publiziert und erscheinen damit auch nicht in der Online-Version der Zeitschrift. Damit waren so nur kursorisch mitgeteilte Erkenntnisse oft nicht nachprüfbar. Die IUPAP (International Union for pure and applied Physics) hat daher 2003 gefordert, dass alle zur Nachprüfbarkeit durch andere Laboratorien notwendigen Rohdaten, numerischen Programme, analytischen Rechnungen, pp. mit von der Institution des Autors frei zugänglich gemacht werden müssen [3].

  10. Langfristige Verfügbarkeit: Open Access Publikationen, die in einem offenen nichtproprietären Format vorliegen, können weltweit an vielen Stellen und von Bibliotheken gespeichert werden (Redundanz) und sind langfristig sicher lesbar. Daher forderte die IUPAP [6] das vollständige Archivieren durch Nationale Bibliotheken ausschließlich in offenen Formaten.
    Bei Closed Access Publikationen steht es im Ermessen des Verlages, nicht mehr des Autors, diese langfristig mittels DRM-Methoden zu schützen. Dies verhindert aber die langfristige Verfügbarhaltung für die eigentlich zum Erstelldatum noch vorhandene Leserschaft, die sich ein Recht auf den Zugang erworben hatte. Aufgrund der Endlichkeit der bei Verschlüsselungen verwendbaren Schlüssellänge, sind Schlüssel immer nur kurzfristig für wenige Jahre gültig. Anschließend verschwinden die Publikationen damit aus dem Dokumenten-Raum für den Nutzer am Arbeitsplatz, lediglich wenige Arbeitsplätze in Bibliotheken erlauben dann noch den Zugriff auf die Publikation.

  11. Open Access Dokumente erlauben die jederzeitige Nachnutzung von Teilen verschiedener Dokumente zu neuen Dokumenten (Kollagen), sofern die Autoren der Quelldokumente dem zustimmen; dies ist besonders bei Lehrmaterialien erforderlich, wo Materialien verschiedener Quellen zu einer neuen, lokal abgehaltenen Lehrveranstaltung zusammengefügt werden.

Literatur

1
Zusammenstellung von Informationen zu Urheberrecht und Open Access www.zugang-zum-wissen.de

2
E. R. Hilf, H.-J. Wätjen, "Publishing and Refereeing in a Distributed World". Präsentation auf dem LIBER Workshop, CERN, 2001 www.isn-oldenburg.de/talks/cern2001

3
IUPAP Workshop on Scientific Misconduct and the Role of Physics Journals in its Investigation and Prevention, London 2003 www.iupap.org/working/workshop.shtml

4
S. Lawrence, "Online or Invisible" Nature 411 (6837): 521, 2001 www.neci.nec.com/~lawrence/papers/online-nature01

5
S. Harnad, "Comparing the Impact of Open Access (OA) vs. Non-OA Articles in the Same Journals" D-Lib Magazine, June 2004, www.dlib.org/dlib/june04/harnad/06harnad.html

6
IUPAP Workshop on Long Term Archiving of Digital Documents in Physics, Lyon 2001 publish.aps.org/IUPAP/